historische Fakten

 

Vor über zwanzig Jahren bin ich - mehr zufällig - auf die russische Kampfkunst „Systema“ aufmerksam geworden.

Den ersten Kontakt hatte ich wie man meiner Vita entnehmen kann 1998 und war im folgenden Jahr,Teilnehmer auf dem ersten Seminar mit V. Vasiliev in Deutschland.

 

Im Verlauf der folgenden Jahre besuchte ich regelmäßig Seminare unter A. Weitzel, M. Ryabko, S. Borschchov, S. Oschereliev, A. Komarov und V. Talanov. Ich bin somit seit den Anfängen in Deutschland dabei und hatte in der damals offenen Atmosphäre die Möglichkeit, mir umfangreiche Kenntnisse unter einer großen Zahl russischer Meister anzueignen.

 

 

Um die Entstehungsgeschichte der russischen Kampfkünste ranken sich eine Reihe von Mythen, die von Kritikern nicht ganz ohne Grund in Zweifel gezogen werden. Warum von den Praktizierenden bisher niemand öffentlich die historischen Wurzeln der russischen Kampfkünste hinterfragt hat, kann ich nicht sagen. Womöglich hat es die Masse  bisher nicht interessiert. Systema war neu, die Story klang aufregend und überhaupt braucht alles eine Geschichte und Philosophie. 

Und um es gleich vorweg zu nehmen, natürlich war auch ich anfangs fasziniert von der Geschichte der russischen Kampfkünste und habe manches ungeprüft weiter getragen.

 

Über die Jahre und durch die Kritiken zunehmend genervt war es mir nunmehr ein Anliegen, die Geschichte der russischen Kampfkünste einer kritischen, im Kern aber wohlwollenden Betrachtung zu unterziehen.

Somit habe ich mir in den letzten Wochen, unterstützt von einem Freund, die Mühe gemacht und die einzelnen Stilrichtungen erfasst. Dabei habe ich nur diejenigen berücksichtigt, welche angeben, ihren Ursprung in den Kampftraditionen des alten Russlands zu haben und habe diese, soweit möglich, auf ihren Inhalt hin geprüft. Hierbei bin ich auf eine - auch für russische Verhältnisse - beachtliche Zahl von über einhundert Stilrichtungen gekommen, die teils erhebliche Schnittmengen, aber auch viele Differenzen aufweisen.

Allein auf Grund der Anzahl werde ich in der Masse nicht auf deren Namen oder Vertreter eingehen, würde dies doch den Rahmen erheblich sprengen. 

In diesem Artikel werde ich auf Basis meiner Erfahrungen und meiner Recherchen die Entwicklungsgeschichte der russischen Kampfkünste aus neuer Sicht darstellen.

 

International hat sich in den Jahren das Wort „Systema“ für die russischen Kampfkünste etabliert. Dabei wurde es erstmals von dem russischen Spezialisten namens Michail Ryabko wohl ab Ende der achtziger Jahre verwendet und war lediglich für seinen Stil gedacht. Das Wort "Systema" entstammt den allgemeinen russischen Sprachgebrauch und heißt übersetzt nichts anderes als „System“.

System wohl deshalb genannt, weil von den Basistechniken angefangen alles weitere sich systematisch aufbaut und nahezu universell umsetzbar ist.

Wie bereits erwähnt  steht das Wort heute für eine Vielzahl von Stilrichtungen russischer Kampfkünste, meist gekoppelt mit dem Familiennamen des Begründers.

Nebenbei haben sich eine Reihe anderer, ähnlicher Stilrichtungen entwickelt, die unter „Russki Rukopaschni Boi“, "Kulatschni Boi" und anderen Eigennamen oder Kürzeln  firmieren. Jeder verweist dabei auf seine Alleinstellungsmerkmale und  verpackt das Ganze in seiner eigenen Geschichte. Ein Umstand der es für einen Außenstehenden, ohne grundhafte Kenntnisse der russischen Sprache und  Kultur, schwer bis unmöglich macht, die Stilrichtungen zu unterscheiden.

 

 

Beginnen wir mit der zeitlichen Einordnung und da muss man feststellen das einige Dinge so nicht passen bzw. es keine belastbaren Informationen dazu gibt.

Häufig hört man in Verbindung mit russischen Kampfkünsten, diese wären uralt und ihre Ursprünge lägen bei den alten slawischen Stämmen oder seien stark mit der Geschichte der Kosaken verknüpft. Dabei muss man beachten, dass die Russen, wie viele andere Völker auch, sehr stolz auf ihre Herkunft und Geschichte sind. Ein Umstand, der aber leider auch zu häufigen Übertreibungen führt und dazu verleitet, die eigene Geschichte zu verklären und zu heroisieren. 

Dennoch muss man kein Historiker sein, um alsbald zu der Erkenntnis zu gelangen, dass die Kampfweise, der Gebrauch und die Art der Waffen der frühen slawischen Stämme des Ostens nicht wesentlich anders als die ihrer germanischen Zeitgenossen im Westen waren.Man darf dabei auch nicht vergessen das die Männer in der damaligen Zeit in erster Linie Ackerbauern, Fischer, Viehzüchter usw. waren und erst in zweiter Linie Krieger. Der Berufsstand des Soldaten wie etwa im römischen Reich war weitesgehend unbekannt.

 

 

Nicht anders verhält es sich mit den Kosaken und ihrer einzigartigen und wechselvollen Geschichte.

Beginnend als Steppenbeuter des 15. Jahrhunderts, über Rebellen und Grenzwächter hin zu regulären Einheiten der zaristischen Armee, durchliefen sie in über vierhundert Jahren eine ungeheure Transformation. Dabei waren sowohl die Art der Waffen als auch deren Gebrauch stark von der Zeit, Region, Verfügbarkeit, dem technischen Stand und den taktischen Einsatzgrundsätzen abhängig.

Fochten die Kosaken zu Anfang ihrer Geschichte meist mit polnischen, türkischen oder tatarischen Säbelmodellen, so kam erst im 19. Jahrhundert die uns heute bekannte Schaschka als Abwandlung einer kaukasischen Säbelform  in Gebrauch.

In der letzten Phase des Zarenreiches wurden die Kosaken meist als leichte Kavallerieeinheiten formiert, waren einheitlich  mit Säbel (Schaschka), Lanze und Karabiner bewaffnet und fochten vorzugsweise vom Pferd aus.

Wenn auch der Gebrauch von Peitsche (Nagaika) und Säbel „Schaschka“ der Kosaken Eingang in manche der heutigen Stile gefunden hat, so haben die Kosaken dennoch nicht die Rolle bei der Entwicklung der russischen Kampfkünste gespielt, wie sie so gern propagiert wird. 

Man kann sicher davon ausgehen, dass sie geübt im Ringkampf und dem Gebrauch ihrer Fäuste waren. Zumindest ist die Existenz verschiedener Ringkampfstile auf dem Gebiet des russischen Reiches historisch verbrieft und diese werden später noch eine Rolle spielen. 

Es bleibt aber festzuhalten, dass es zwar hinreichende Aufzeichnungen über die wechselvolle Geschichte, die Siedlungsgebiete, die Lebensweise, Strukturen, Bräuche, Lieder und Kleidung etc. der Kosaken gibt. Aber nichts, was auf eine eigenständige waffenlose Kampfform verweist. Siehe dazu auch das Buch von Andreas Kappler „Die Kosaken“ erschienen im Verlag C.H.Beck.

Die Aussage auf einen deutschen Internetportal wonach die Bolschewisten "Kosaken" für ihre Spezialeinheiten verpflichteten um sich deren kämpferisches Können nutzbar zu machen, ist gelinde gesagt historischer Blödsinn.

Diese oder ähnliche Aussagen gibt es viele und sie zeugen nicht nur von geschichtlicher Unkenntnis, sondern zeigen auch auf, wie bereitwillig derartiger Unfug weiter getragen wird.

 

Ebenso ist es mit den "Wallkämpfen" die in bestimmen Gebieten Russlands an Festtagen und Jahrmärkten abgehaltenen wurden. Auch diese  halten einer genaueren Betrachtung als Ursprung einer russischen Kampfkunst nicht Stand.

Dazu muss man wissen, dass die Kultur der russischen Bauern stark an das Feudalsystem ihrer Zeit gebunden war. Das Leben wurde selbst nach der Abschaffung der Leibeigenschaft in Abhängigkeit zu ihren jeweiligen Landesherrn in dörflicher Gemeinschaft organisiert. Gewalt, sowohl in der Familie als auch zur Durchsetzung privater oder gesellschaftlicher Interessen, war dabei in ihrer archaischen Lebensweise tief verwurzelt. Und auch wenn rekrutierte Bauern die Mehrzahl des russischen Heeres bildeten, so war deren Dienst mehrheitlich von Exerzierübungen, Ordnungsdiensten und Paraden geprägt. Davon abgesehen, galt der einfache Soldat bis zum Ende der Zarenzeit als Mensch zweiter Klasse, denen bestimmte Grundrechte verwehrt waren. 

Die  heute geläufige technische Interpretation, wonach die bäuerlichen Stile bei ihren ungelenken Schlägen Fliehkräfte in einer rotierenden Bewegung nutzen, ist meiner Meinung nach erst in der jüngsten Vergangenheit entstanden. Gleiches gilt für die verwendeten Tanzelemente. Betrachtet man die Lebensumstände der russischen Bauern, so dürfte es ihnen weder von der Zeit noch vom Wissen her möglich gewesen sein, eine strukturierte und technisch ausgeklügelte Kampfweise zu entwickeln. Und auch hier kann die Tatsache, dass die Mehrzahl Analphabeten waren, nicht als Beleg dafür dienen, dass es keine schriftlichen Aufzeichnungen gibt. Selbst in der Fülle der russischen Literatur wird man Hinweise auf ein bäuerliches Kampfsystem vergebens suchen.

 

Ich vertrete eher die Auffassung, dass es mit Bekanntwerden der russischen Kampfkünste im Westen, die Fragen der Seminarteilnehmer zu der Geschichte und Philosophie waren, die  die russischen Referenten in Erklärungsnot brachten.

Um die Wissbegierde zu befriedigen, erzählte man grob etwas über die alten Slawen, Kosaken und Bauern, bis die Geschichten immer weiter ausgeschmückt wurden. Das kulturelle und technische Erbe der Sowjetunion wurde dabei nicht erwähnt. Schließlich war es aus damaliger Sicht eher eine unliebsame Zeitepoche, die man zumindest auf die Heldentaten des zweiten Weltkrieges reduziert wissen wollte.

 

M.Ryabko, Gründer von „Systema“, hat selbst zwanzig Jahre in einer polizeilichen Spezialeinheit gedient und antwortete auf Fragen nach seinen Lehrern immer ausweichend. Meist war von seinem Vater und Onkel die Rede oder irgendwelchen bärtigen Männern. Es gab wohl auch einen direkten Lehrer, aber weder sind von ihm Name noch Lebensdaten bekannt. Vielleicht liegt es an der russischen Eigenart auf manche Fragen nie direkt bzw. nur ausweichend zu antworten. Fakt ist, es macht im vorliegenden Fall keinen Sinn und verstärkt aus meiner Sicht nur gewisse Vorbehalte.

 

Unbestritten ist, dass Russland auf eine bewegte Geschichte mit einer Vielzahl an Kriegen verweisen kann.

Wie bereits oben angemerkt, hat sich dabei die Art der Waffen als auch deren Gebrauch nicht wesentlich von denen anderer europäischer Länder unterschieden.

Spätestens seit Peter dem Großen wurde die russische Armee nach damals gültigen europäischen Standards formiert und bewaffnet. Auch der zunehmende Einsatz der Kosakenverbände als irreguläre Truppe ist kein russisches Alleinstellungsmerkmal. Ebenso nutzten zur damaligen Zeit Österreicher und Preußen irreguläre Verbände in ihren Heeren, wie Kroaten und Bosniaken.

Bündelt man also all diese Erkenntnisse, so kommt man zwangsläufig zu der Ansicht, dass die russischen Kampfkünste, von ihren Anfängen bis zu ihren heute bekannten Formen, womöglich nicht älter als neunzig Jahre sein können. Dabei ist die Masse der Stile oftmals nicht älter als 25 Jahre und erst in der Zeit nach der Perestroika  entstanden.

 

Nach meinem bisherigen Kenntnisstand waren es erst die Sowjets, welche durch ihre zentrale Regierungsform die gesellschaftlichen Grundlagen für die Entwicklung boten.

Auf der Suche nach einem effizienten und einheitlichen Kampfsystem begannen sie mit der Sammlung geeigneter Techniken und der Entwicklung einer einheitlichen Methodik und Didaktik. Daraus resultierte Ende der dreißiger Jahre vorerst die Entstehung des ab 1946 so benannten „Sambo“. Die Geschichte dazu kann man im Buch „Sambo, der kraftvolle russische Kampfsport“ von W.M. Andrejew und E.M.Tschumakow, erschienen im Weinmann-Verlag nachlesen.

Zu Beginn als ein rein ringerisches System zum Selbstschutz entwickelt, verband man es in den folgenden Jahren mehr mit Schlägen, Techniken des Bajonettfechtens, dem Gebrauch von Messern, Spaten und anderen Waffen für die militärische bzw. anderweitige Verwendung in staatlichen Organen.

In dem sowjetischen Kriegsfilm „Swesda“ von 1949 ist zu Beginn eine Szene mit Inhalten zur Nahkampfausbildung zu sehen. Das kann durchaus als historischer Beleg dienen, standen den Filmemachern sicher erfahrene Kriegsteilnehmer als Statisten und Berater zur Verfügung.

 

Nach dem zweiten Weltkrieg setzte sich diese Entwicklung in den folgenden Jahren fort.

Das aus dem zivilen „Sambo“weiter entwickelte „Bojewoje-Sambo“ wurde hauptsächlich bei den Fallschirmjägern, Aufklärungseinheiten und der Marineinfanterie ausgebildet. Angepasst an die relativ kurze Dienstzeit, liegt der Schwerpunkt der Ausbildung auf robusten Techniken, einer körperlichen Abhärtung und gesteigerten Ausdauer der einzelnen Soldaten.

In dieser Form ist es auch heute noch fester Ausbildungsbestandteil dieser Einheiten und daher auch wesentlich bekannter. Es gibt auf „YouTube“ einen Film aus dem Jahr 1973 mit Ausbildungsinhalten zur militärischen  Körperertüchtigung von Fallschirmjägern. Neben Nahkampf und Hindernisbahn bildeten interessanterweise Geräteturnen und Akrobatik einen nicht geringen Ausbildungsschwerpunkt. In dieser Dokumentation kann man sehen, dass zu dieser Zeit bereits Karatetechniken Eingang in das Ausbildungskonzept gefunden hatten.

 

Spätestens in den siebziger Jahren begann man nicht nur damit, die technischen Aspekte unter einem neuen Blickwinkel zu betrachten, sondern erforschte intensiv die damit verbundenen psychischen und physischen Zusammenhänge. Ziel war es hierbei, die Nahkampfausbildung als solche zu optimieren und an die Gegebenheiten des modernen Gefechts in Schützengraben oder anderweitig begrenzter Räume anzupassen.

Ein weiteres Ziel bestand darin, die psychische Stabilität und die Leistungsfähigkeit der Soldaten in Hochstresssituationen zu steigern.

Die Ergebnisse dieser Untersuchungen flossen zunehmend in die Ausbildung der militärischen Einheiten ein.

Die schiere Größe der sowjetischen Armee (ca. 2 Mio.) und die Vielzahl anderer Einheiten  und Sonderverbände des KGB, der Polizei usw. lassen vermuten, dass es hier eine Reihe paralleler Entwicklungen mit durchaus unterschiedlichen Prämissen und Ergebnissen gegeben hat. Als Indiz dafür können sowohl die großen technischen wie auch didaktischen Unterschiede in den Systemen von A.Kadochnikov und M.Ryabko angesehen werden.

 

Der oben genannte Kadochnikov war eigentlich als Lehrer für Physik und Mathematik an einer militärischen Hochschule tätig. Zudem war er aber auch maßgeblich an der Forschung und Entwicklung eines speziellen Kampfsystems beteiligt und trainierte darin auch die Kadetten.

Aus seinem Wissen formte er nach der Perestroika seine eigenständige Kampfkunst. Zu Beginn noch „Russki Stil“ genannt, änderte sich der Name später zum heute verwendeten„Systema Kadochnikov“. Man findet diesbezüglich im Netz reichlich Filmmaterial, meist aus den neunziger Jahren in teils schlechter filmtechnischer Qualität.

Ein Spielfilm aus dem russisch/japanischen Krieg, in dem Alexej Kadochnikov einen russischen Offizier mimt, der japanische Soldaten unbewaffnet im Nahkampf besiegt, ist hingegen ein Produkt russischer Filmemacher mit reichlich nationalistisch patriotischem Pathos. Historisch betrachtet, war dieser Konflikt ein Paradebeispiel für außenpolitischen Dilettantismus und das grobe militärische Versagen unter Zar Nikolaus II., welcher Jahrzehnte später heroisch schön gefärbt wurde.

 

Aber weiter zum Thema!

Bei den hochspezialisierten Einheiten, wie z.B.des GRU usw., ist davon auszugehen, dass die Nahkampfausbildung dahingehend umfangreicher, technisch versierter und physisch sowie psychisch tiefgründiger gewesen ist.

Genaue Angaben über den Umfang oder spezielle Ausbildungsinhalte und deren Ergebnisse in der praktischen Umsetzung gibt es im Westen jedoch nicht. Vieles ist spekulativ und lässt daher reichlich Spielraum zu Interpretationen, beruht es doch hauptsächlich auf dem Wissensstand und den Wahrnehmungen ehemaliger Angehöriger dieser speziellen Truppenteile.

Das ist ein Umstand, der eine genaue Erforschung schwierig macht und Vieles im Dunkeln lässt.

 

Bei der historischen Analyse muss man mit einbeziehen, dass die sportliche Betätigung in der Sowjetunion generell einen hohen Stellenwert besaß und vom Staat entsprechend stark gefördert wurde. Neben Leichtathletik, Schwimmen und Eishockey waren dies die olympischen Kampfsportarten wie Ringen, Judo, Boxen und das neu geschaffene Sambo. Auf regionaler wie auf Unionsebene fanden dazu alljährliche Wettkämpfe statt.

 

Zu Beginn der siebziger Jahre kamen wie bereits erwähnt Karatetechniken dazu. Am Anfang eher ungern gesehen und mehr geduldet, war Karate sehr populär und fand über den Sport Eingang in den dienstlichen Gebrauch. Nebenbei bemerkt, eine Popularität welche sich auch in sowjetischen Spielfilmen der siebziger und achtziger Jahre stark wiederspiegelt.

 

Man kann insofern festhalten, dass im zivilen, wie auch militärischen Bereich der Zweikampf in der Sowjetunion sehr beliebt war und intensiv trainiert wurde.

Zudem war die Schaffung eines leistungsstarken Kämpfers elementarer Bestandteil der Ideologie der Sowjetunion. Insofern konnte die Armee und andere Dienste ihre Angehörigen aus einem großen Pool von zivilen Sportkadern mit verschiedenen Kenntnissen und unterschiedlicher Ausbildung auswählen. Dabei wurde mit großer Wahrscheinlichkeit ziviles sportliches, mit militärischem Wissen und Können verschmolzen.

 

Es ist auch davon auszugehen, dass sich einzelne Spezialisten dienstlich oder privat kannten und es hierbei zu einen konstruktiven Austausch auf kämpferischem und technischem Niveau kam.

Auch das nicht Vorhandensein einer speziellen Bekleidung und eines  Graduierungssystems spricht zusätzlich für eine rein militärische Entwicklung und deckt sich in dem Punkt mit der verbreiteten Geschichte.

 

Nach der Perestroika und dem Ausscheiden aus dem aktiven Dienst suchten nun viele Angehörige nach einem neuen Betätigungsfeld und nach Einnahmequellen.

 

Angefangen mit Vladimir Vasiliev, der nach Kanada auswanderte und eine Schule für russische Kampfkünste eröffnete, kamen Ende des zwanzigsten, Anfang des einundzwanzigsten Jahrhunderts verstärkt andere russische Meister auf den internationalen Markt. Vasiliev war es übrigens, der seinen alten Mentor und Freund M. Ryabko den Weg in den Westen ebnete, indem er ihn u.a. im Jahr 2000 mit zu einem Seminar nach Deutschland brachte.

Apropo Vasiliev, anfangs ein Schüler von Ryabko hat er in den neunziger Jahren zunehmend seine eigene Stilrichtung entwickelt. Ich denke nicht das es dazu einen konkreten Plan gab. Vielmehr hat es sich einfach so ergeben, dass seine Beweglichkeit und kämpferischen Kreativität zu einer völlig neuen Stilart führte, mit der er eine große Anzahl von Anhängern begeistert. 

 

Wegbereiter der russischen Kampfkunst „Systema“ in Deutschland war zweifelsohne A. Weitzel. Weitzel lehrte als erster "Systema" an seiner Schule und hat ab 1999 regelmäßig jedes Jahr Seminare mit russischen Referenten organisiert.

 

Im Ausland weniger bekannt ist hingegen das von Oberst Retuniskich entwickelte „ROSS“, eine Mischung aus „Sambo“, "Kadochnikov Systema" und anderer militärischer Fertigkeiten.

 

Dazu gesellten sich verstärkt ehemalige Schüler von Kadochnikov und Ryabko aus früheren Zeiten, welche sich von ihren alten Trainern getrennt hatten und zu eigenen Stilbegründern wurden.

 

Mit etwas Kenntnis kann man heute bei vielen dieser Leute erkennen, bei wem sie ihr Rüstzeug erhalten haben. Bei Anderen werden weniger bekannte Persönlichkeiten benannt oder deren Werdegang ist völlig unbekannt. Darunter sind einige Leute mit brauchbarem Material, wie A. Karimov (Sibirskii Kazak), D. Skogarev (Sibirskii Viun), M. Grudev (IZVOR) und W. Krutschkov (Strela).

 

Nebenbei existiert eine ganze Reihe Gruppierungen, die mit der Welle nationaler Wiedererweckung in den Neunzigern, wie Pilze aus den Boden geschossen sind.

Gerade in den Gruppen, welche sich auf alte historische Wurzeln berufen, findet man eine verwirrende Vielzahl an Inhalten und Herleitungen. Gespickt mit folkloristischen Elementen, begegnet man hier einer Mischung aus Kampftraining, militärischer Ausbildung und kulturgeschichtlicher Traditionspflege. Je nach Ausrichtung mit einer Verbindung zur russisch-orthodoxen Kirche oder umgekehrt einen Bezug zu dem alten Götterglauben der slawischen Stämme.

 

 

Im Großen und Ganzen lassen sich die verschiedenen Stilprägungen grob in vier Gruppen aufteilen:

 

  1. Militärs, ehemalige Angehörige militärischer oder polizeilicher Sondereinheiten.
  2. Seminaristen, sowohl ehemalige Schüler o.g. Personen, als auch lose Seminarteilnehmer.
  3. Traditionalisten und Kosaken, eine Mischung der vorgenannten Gruppen angereichert mit historischen, kulturellen  und religiösen Bezügen.
  4. Urslawen und Esoteriker, ein Sammelsurium angeblich urslawischer Fähigkeiten gepaart mit altem Götterglauben oder einer stark auf Mystik und den Glauben an unsichtbare Kräfte bestehende Form mit ebenfalls religiöser oder pseudoreligiöser Ausprägung.

Eine eindeutige Zuordnung zu einer bestimmten Gruppierung ist hierbei schwierig, gibt es doch eine Menge wechselnder Gemeinsamkeiten und Überschneidungen in diesem Bereich.   

 

 

An dieser Stelle und weil es mir wichtig ist, kurz ein paar Worte zu der so genannten kontaktlosen Arbeit.

Diese ist häufig Bestandteil der verschiedenen Stile und findet auch im Westen seine Anhänger.

 

Hierbei kann man das Aufeinandertreffen von zwei Interessengruppen feststellen.

Zum einen jene unserer westlichen Gesellschaft, die Gewalt ablehnt oder sich davor mit möglichst gewaltfreien Mitteln schützen will und zum anderen einen stark in der russischen Kultur ausgeprägten Glauben an Wunder und übernatürliche Fähigkeiten.

Dies führt zum Teil zu sehr groteske Formen und wird nicht umsonst von vielen unserer Kritiker mit unverhohlener Skepsis gesehen. Beispiele hierfür sind das nicht so bekannte „Lubki“ der Schule Gamajun, „Systema Spetsnaz“ von Starov oder „Rodmir“ von Karmanov.

Im Kern ist die kontaktlose Arbeit nicht mehr, als die Auslösung psychologischer Reize (Schutzreflexe), die durch eine Art Konditionierung, teils im Rahmen einer Gruppendynamik, zu bestimmten körperlichen Reaktionen führt.

 

Das mag spektakulär aussehen, verlangt auch ein gewisses psychologisches Wissen und  Können, hat aber für die tatsächliche körperliche Auseinandersetzung absolut keine Bedeutung.

 

Vergleicht man die Entwicklungsgeschichte der russischen Kampfkünste mit der des israelischen Krav-Maga, so erkennt man eine ganze Reihe an Gemeinsamkeiten.

Wie bei diesem, war auch hier der Grundgedanke, ein waffenloses Selbstverteidigungssystem zu schaffen, welches sich rasch zu einer militärischen Nahkampfmethode weiterentwickelte.

In der Sowjetunion bediente man sich dabei zu Anfang der Ringkampfstile der Völker Zentralasiens, des Kaukasus und Europas sowie des japanischen Judo und kreierte daraus das  „Sambo“. Von den Militärs genutzt, reicherte man es, wie bereits beschrieben, in den folgenden Jahren mit Schlägen, Tritten, Hebeln und anderweitigen Techniken des Waffenkampfes an.

Da also niemand die Effizienz von Krav Maga auf der Welt in Frage stellt, sollte selbiges auch für die russische Variante gelten.

 

Im Gegensatz zu Krav Maga liegt der Fokus bei den Systema-Stilen jedoch auf einer anderen mentalen und technischen Bewußtseinsebene, die sich Vielen nicht erschließt. Bei Kadochnikov wird dazu primär mit Winkelfunktion und Hebelgesetzen gearbeitet, welche an die menschliche Motorik angepasst wurden.

 

Etwas anders gestaltet es sich bei „Systema Ryabko“, wo mit einer Verbindung aus kontrollierter Psyche, entspannter Körperstruktur, flexiblen Bewegungen und einer für das gegnerische Radar nicht wahrnehmbaren oder einer gewollt wahrnehmbaren Technik bzw. Bewegung gearbeitet wird.

Das verbindende Glied zwischen dem Körper und der Psyche bildet hier eine konstante, an die Situation angepasste Atmung.  Die Entwicklung des Systems von M.Ryabko fand in der mir bekannten Form in den achtziger und zu Beginn der neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts ihren Abschluss.

Die Entwicklungen von Kadochnikov und Ryabko waren die ersten bekannten Stile dieser Art und man kann sehen, dass es hier eine Reihe unabhängiger  Entwicklungswege mit  unterschiedlichen  Ergebnissen gegeben hat. Beide Systeme orientierten sich an modernen medizinischen und sportpädagogischen Grundsätzen und sind praxisorientierte Nahkampfstile für den reellen Einsatz.  

Die größten uns heute international bekannten Persönlichkeiten waren in der Mehrzahl zu der damaligen Zeit im aktiven Dienst von Sonderverbänden der Armee, der Polizei oder des KGB.

 

Vasiliev kam, wie bereits erwähnt, im Zuge einer starken Auswanderungswelle als erster Repräsentant dieser Kampfkunst in den Westen. Seit nunmehr zwanzig Jahren ist „Systema“ in Europa bekannt und es haben sich seither eine Reihe anderer Repräsentanten der russischen Kampfkünste etabliert.

 

Heute gibt es weltweit Vertretungen der verschiedensten russischen Schulen. 

Die bekanntesten hierbei dürften die Linien von Vasiliev und Ryabko sein, gefolgt von Kadochnikov, Karimov, Skogarev usw..

Extra erwähnt werden sollte hier Valentin Talanov, ehemaliger Student von M. Ryabko aus den frühen Jahren, welcher sich auf Grund von Differenzen vor ein paar Jahren von seinem alten Mentor getrennt hat. Als gelernter Boxer und auf Grund seiner Kampferfahrung ist sein Stil technisch bewusst übersichtlich gestaltet, frei von Schnörkeln und stark an den alten Trainingsprinzipien der Anfangsjahre orientiert.  Deshalb spricht man in Fachkreisen heute auch von der „alten Schule“. Talanov bietet seit ein paar Jahren erfolgreich Trainerlehrgänge an und ist mit Vertretungen in Frankreich, Deutschland und einigen anderen europäischen Ländern relativ erfolgreich.

 

Im Gegensatz dazu spricht man bei M.Ryabko aktuell von der „neuen Schule“. Der Focus liegt dabei auf der so genannten „inneren Arbeit“. Ein abstrakter Begriff, der die verstärkte Arbeit mit der Körpermechanik und dem Erzeugen von Muskelanspannungen des Gegenübers umschreibt. Weitere Ausbildungsschwerpunkte sind Atemübungen und neu, die verstärkte Ausrichtung auf Massagepraktiken. Kleinere Gruppierungen wie von Solovev, Grudev, Polunin etc., vertreten andere Trainingskonzepte und sind außerhalb Rußlands eher weniger bekannt bzw. aktiv.

Zudem hat eine Reihe ehemaliger Studenten von Vasiliev, wie z.B. Kostic, Secours oder Wheeler ihre eigenen Schulen und Stilinterpretationen begründet.  

 

 

 

Wie sieht nun die zukünftige Entwicklung der russischen Kampfkünste aus?

 

In Russland gibt es wie mehrfach genannt, eine Vielzahl an Gruppen und Kleingruppen, oft mit nur lokaler Bekanntheit, die im Westen weitestgehend unbekannt sind.  Ein Umstand, an dem sich auch zukünftig nicht viel ändern dürfte.

Etwa ein halbes Dutzend russischer Vertreter hat es geschafft, sich in Europa und Teilen Amerikas zu etablieren. Auch hier stellen wir eine regional sehr unterschiedliche Dichte und Ausrichtung in den einzelnen Ländern fest. Gibt es in den USA, Frankreich, England, Holland und der Slowakei vergleichsweise viele Schulen, so sind es in Deutschland, Kroatien, Skandinavien, Italien und Österreich eine recht übersichtliche Anzahl.

Wie anderen Ortes auch, finden wir hier eine vielfältige Zersplitterung in die verschiedenen Stilrichtungen mit ihren jeweiligen Lehrern.

 

Die Situation wird sich in den nächsten Jahren nicht ändern. Sie dürfte sich im Gegenteil noch verstärken. Verantwortlich dafür ist meiner Meinung nach ein Generationswechsel, der sich in den nächsten Jahren, sowohl in Russland als auch außerhalb, vollziehen wird. Die Pioniere aus der Anfangszeit kommen langsam in die Jahre und so wird das Feld unter den nachfolgenden Generationen neu aufgeteilt werden.

 

Zudem muss man bedenken, dass sich auch die russische Gesellschaft langsam, aber zunehmend verändert. Insbesondere in den großen Städten hat sich eine junge, moderne, am Konsum orientierte Schicht herausgebildet, die im Gegensatz zu den noch recht traditionell ausgerichteten ländlichen Gebieten steht. Diese mentalen Veränderungen werden sich in den nächsten Jahren verstärken und der harte kämpferische Geist und die diesbezüglichen Traditionen werden es zunehmend schwer haben, geneigte Anhänger zu finden. Mit Alexej Kadochnikov ist erst kürzlich eine der bekanntesten Persönlichkeiten verstorben. Vorausschauend hat er seinen Sohn Arkadi als  Nachfolger herangebildet mit einem in Russland und in anderen Ländern existierenden Schulnetz.

 

Mit Ryabko und Vasiliev haben wir gleichwohl zwei Meister der Sowjetzeit, welche ebenfalls in einem vorgerückten Alter sind und ihr Rückzug bzw. Ausscheiden wird eine Frage der Zeit sein.

Ryabko selbst versucht seit einigen Jahren seinen Sohn Daniil als Nachfolger aufzubauen. Dieser verfügt weitgehend über das Wissen, hat aber weder das Charisma noch die Vita seines Vaters und es dürfte ihm schwer fallen, sich dauerhaft erfolgreich zu behaupten. Versuche, sich wieder stärker in Deutschland zu etablieren sind bisher gescheitert. Der geschäftliche Schwerpunkt liegt aktuell in Japan.

Bei Vasiliev hingegen ist kein potenzieller Nachrücker aus den Reihen der Familie in Sicht.  Mit den Zettler-Twins existieren z.B. Meisterschüler aus dem eigenen Stall, die die spezielle Bewegungs- und Arbeitsweise von Vasiliev sehr gut beherrschen. Inwieweit die beiden Brüder als Nachfolger in Betracht kommen und sich auf dem Markt halten werden, bleibt ebenfalls abzuwarten.

 

Andrey Karimov (Sibirski Kazak) baut sich zunehmend eine Fangemeinde außerhalb Russlands auf und ist verstärkt in Mittel-und Westeuropa sowie auf dem Balkan aktiv.

 

Die Systema Akademie von A. Weitzel in Deutschland hat 2019 aufgehört zu existieren. Mit ihm verliert auch die internationale Szene einen ausgezeichneten Referenten. Das von ihm bis dahin betreute Schulnetz wird sich perspektivisch verselbständigen oder anderen Lehrern zuwenden.

 

Wie bereits oben erwähnt , unterhält auch V. Talanov eine kleines Schulnetz außerhalb Russlands. Inwieweit er dies ausbauen kann, wird auch hier die Zukunft zeigen.

Eventuell wird es noch der eine oder andere russische Anbieter schaffen, sich einen Marktanteil zu erobern.

 

Zusammenfassend kann man festhalten, dass es den russischen Kampfkünsten  nach zwei Jahrzehnten gelungen ist, sich international zu etablieren. Die Verbreitung auf der Welt und innerhalb Europas ist dabei sehr unterschiedlich und variiert stark von Land zu Land. Ich denke, dass sich auch zukünftig an dieser Situation wenig ändern wird. Im Gegenteil, es steht zu befürchten, dass sich die Szene mit dem Wegfall der alten Meister weiter aufspalten wird. Wir können jetzt schon eine Reihe von Eigenkreationen im westlichen Ausland feststellen, die je nach Ausbildungsstand und Vorlieben recht eigenwillige Interpretationen der russischen Kampfkünste darstellen, vergleichbar der Entwicklung in Russland.

 

Ich für meine Person werde im Rahmen meiner Möglichkeiten weiter versuchen, meinen Schülern ein realistisches und praxistaugliches Systema zu vermitteln. Ich sehe mich hier eher auf einer Linie mit V. Talanov und V. Krutschkov.

Im Endeffekt entscheidet aber jeder Interessent selbst, welche Variante er bevorzugt und wem er sein Vertrauen schenkt.

 

Vermeintlichen Kritikern möchte ich im voraus mitteilen, dass dieser Artikel keinen Anspruch erhebt fehlerfrei zu sein. Sollte jemand, was nicht ausgeschlossen ist, eine gegenteilige Auffassung vertreten, so sei es ihm freigestellt, meine Darstellung mit plausiblen Nachweisen zu widerlegen.

 

Für alle anderen Leser hoffe ich, dass dieser Artikel dazu dient, Mythen zu entkräften und ein offenes Verständnis für die Geschichte der russischen Kampfkünste zu entwickeln.

 

 

Ingolf Weiß